14 Oktober, 2013

GR-20 - Le Vorbereitung

Oktober 2013. Ich habe soeben meinen Job verloren. Ich bin am Boden zerstört.


Bestens also, dass mein Bruder und ich auf den GR-20 wollen. Die gute, alte Metaphysik des Wanderns. Den Kopf wegschießen, ohne ein Wort sagen zu müssen. Mein Bruder und ich fangen an, zu planen. Der GR-20 ist einer der härtesten Wanderwege Europas und liegt auf dem felsigen Rücken Korsikas. Er ist 180 km lang und wird normalerweise in 15 Etappen gelaufen. Die Etappen sind im Norden kürzer (meist zwischen 10 und 15 km) und härter und haben viel mehr Höhenmeter.

GR-20 Nord, auf dem Weg von Tighiettu nach Ciottulu
Im Süden sind sie länger (bis 25 km) und weniger anstrengend. In der Vorbereitung auf den Weg, stelle ich mir - wie alle anderen vor mir - die Frage nach Kondition. Also praktisch: schaffe ich den Weg? Mein Osteopath, um es ganz simpel zu sagen, lacht mich kurz vorher aus. Er ist der Held, der very last minute vor Abreise den eingeklemmten Nerv in meinem Rücken entklemmt und mich damit wanderfit macht.

Und irgendwann war ich ja auch mal sowas wie Leistungssportlerin. Jetzt bin ich zwar 34 und untrainiert, aber zumindest motiviert. Ich war bisher auf dem Jakobsweg, auch auf dem Nordweg. Ich war im Januar 2013 auf Mallorca wandern. Gepaart mit dem familieneigenen Dickkopf (ja, den haben wir alle) bin ich größenwahnsinnig genug, es zu versuchen.

Calenzana, schöne Braut. Dort fängt der GR-20 an. 6:30 Stunden bis zur ersten Hütte, bei uns acht
Geilster Lunch mit Stinkepecorino und Salami am Strand Nähe Calvi
Um es klar zu sagen: ich habe den GR-20 Nord nicht geschafft. Ich habe gelesen, dass rund 20.000 Menschen jährlich grazil von einem GR-20-Gipfel zum nächsten springen. Ich bin eher gar nicht gesprungen. Ich habe mich wie eine sehr alte, sehr gebrechliche Person von einem Höhenmeter zum nächsten gequält, um bei den Abstiegen, die teils sehr lang und gefährlich (für mich) waren, bei jedem Schritt das Gefühl zu haben, ich sei die kleine Meerjungfrau - ihr wisst schon, die, als sie die Beine bekommt, jeden Schritt wie einen Messerstich verspürt. Heute, drei Wochen später, ist der Schorf beim Duschen abgegangen und was soll ich sagen. Ich hatte noch nie ein so schönes Loch im Bein.

Der GR-20. Ein Stück, das man nicht auf allen Vieren laufen muss



Gut gebaut ist halb gewonnen? Denkste.
Bevor ihr weiterlest, sind hier die Seiten, die wirklich hilfreich in der Vorbereitung waren:

CORSICAFORHIKERS - Michele ist ein Pro und hat einfach klipp und klar gesagt, was Sache ist
KRAXL - gute Zusammenfassung der Etappen und ganz gute Packhilfe
MUCKEFUCK - Ich mag Kaffeeersatz sehr, vor allem die Geschichten von Stefan

Vorbereitet war ich allerdings auf anderen Ebenen, auch wenn mich der Typ im sehr empfehlenswerten Aussteiger in Berlin-Prenzlauer Berg auch ausgelacht hat, als ich reinschneite und einen Tag vor Abreise Dinge gekauft habe: Isomatte, Rettungsdecke, Milchpulver, Signalpfeife.

Während der Planung, die erstaunlich langwierig und schwierig ist (das mit diesem Internet ist auf Korsika nicht unbedingt der letzte Schrei), stelle ich irgendwann fest: von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden? Wir haben leider nur Zeit, die Hälfte der Strecke zu laufen, von Calenzana nach Vizzavona (Norden). Oder von Conca bis Vizzavona (Süden).

Ich sage noch: "Gustav, wollen wir von Süden nach Norden? Das ist einfacher" - weiß aber schon, während ich es sage, dass Gustav an "einfach" null Interesse hat. Ah, richtig. Dieser familieneigene Dickkopf. Wir laufen den GR-20 Nord. 

Le GR-20 Nord. Beauty
Ab Ende September sind die Hütten auf dem Weg nicht mehr personell besetzt (Essen), aber offen. Deswegen muss man Essen und Trinken selbst mitnehmen. Ich habe einen ausgeklügelten Essensplan mit meinem Bruder gemacht. Wir haben jeder 7.5 kg Essen dabei, jeder circa 15 kg im Rucksack. Das ist zu viel für Frauen. Frauen, nehmt weniger mit. Oder geht von Süden nach Norden, dann sind die Etappen weniger krass und ihr esst einfach die Kilos auf, die Euch beschweren. Das Essen ist in Tagesrationen, die Gustav in Tiefkühlbeuteln verpackt hat. Für jeden Tag gibt es folgende Päckchen:

  • Ökomüsli mit Milchpulver zum Frühstück
  • Snackybeutel mit Nüssen, Müsliriegeln, Rosinen, M&Ms, getrockneten Früchten (hamm, lecker)
  • YumYum Nudeln zum Mittag
  • Fertignudelgerichte für Abends
Ansonsten haben wir noch an Essen und Trinken dabei:
  • Extra Milchpulver
  • Kaffeepulverbeutelchen
  • Tee
  • Olivenöl
  • Essen, was man doch irgendwie auf dem Weg bekommen konnte (Baguette, Käse, Wurst)
  • Gustav: 2l Wassersystem im Rucksack
  • Marieke: 2 x Il Wasserflaschen in den Seitentaschen vom Rucksack
Snacky auf der Bocca de Palmente in 1.640 Metern Höhe. #bessergehtsnicht
Weitere kleine Amerkung für das schöne Geschlecht: alle Informationen, die ich gelesen habe, waren von Männern. Alle drei oben erwähnten Websites. Mein Outdoor Reiseführer, der übrigens okay war, wenn auch basic. Alle Männer, die ich auf dem Weg traf, waren so Eremitensupersportlermänner mit Muskelbergen. War ganz attraktiv eigentlich. War Gustav einer von ihnen? Das soll die geneigte Leserschaft entscheiden, wenn er diese GR-20-Reise als Gastautor übernimmt. Ich sage nur: Muskelberge ist sein zweiter Vorname.

Die erste Frau, die mir wiederum auffiel, war die hysterisch kreischende, halbnackte, zitternde, unterkühlte Französin, die auch in das Gewitter, in das Gustav und ich am ersten Tag gekommen sind, gekommen war. Die konnte nicht mehr sprechen, als sie Ortu di Piobbu, die erste Hütte, erreichte. Und obwohl die eher so eine zähe Ausdauermuskulatur anstatt von Bergen hatte, war die nicht untrainiert.

Erste Etappe GR-20 - Herberge Ortu di Piobbu
Sie wurde von den anderen Franzosen an den Ofen gesetzt, mit Tee und heißem Essen gefüttert und ist am nächsten Tag nicht weitergegangen. Die zweite Frau kam mir mit ihrem Freund wieder entgegen, 15 Minuten, nachdem wir von Ortu di Piobbu losgegangen waren. Sie hatte Angst und hat aufgehört. Die dritte Frau war die, die in Haut Asco mit ihrem Freund einen Tag Pause gemacht hat, weil sie nicht mehr konnte. Ja, und dann war da noch ich.

Fashion am Berg - Marieke im Partnerlook mit dem Geröll
Weitere dringliche Antworten auf eure Fragen im Schnelldurchlauf:

Wanderstöcke? Unbedingt. Am besten zwei. Ich hatte nur den vom Bild (ich habe ihn "Mein Bester" getauft, kein Scheiß), aber schon der hat mir das Leben gerettet.

Zelt? Im Sommer ja, dann bekommt man weniger Ungeziefer. Im Herbst nein.

Ungeziefer?? Oh ja. Ich hatte 15 undefinierbare Stiche aus dem Bett in Haut-Asco. Gustav hat eine Bettwanze im Rucksack nach Berlin mitgebracht.

Isomatte? Wir hatten unsere dabei. Ich habe meine genau zweimal benutzt, einmal zum Überleben in einem Gewitter. Und einmal in Carozzu, weil die Matratzen so feucht waren. Viele Wanderer haben ihre aber nach den ersten Tagen zurückgelassen.

Strom/Klo/Gas/Wasser in den Hütten? Manchmal. Strom meistens, in Haut Asco aber nicht. Wichtig für Handy aufladen. Wasser manchmal, ansonsten gibt es eine Quelle in der Nähe. Warmes Wasser nur in Haut-Asco. Für Mädels: bedenkt euren Zyklus. Feuchte Tücher sind auf jeden Fall was Bedenkenswertes.

Handyempfang in den Hütten? Nein.


Zu den Abenteuern vom 1. Tag auf dem GR-20 geht es hier lang!



Kommentare:

ALM hat gesagt…

schöne leggings!

Andreas Khan hat gesagt…

Hi
ich war im August 2017 auf der GR20 Nordteil von Calenzana nach Vizzavona unterwegs.
Handynetz und Strom gibt es auch manchen Hütten.
Ich habe eine Bewertung und Auflistung gemacht was auf den einzelnen Hütten vorhanden ist. Strom, Handynetz, Verpflegung, Dusche, Toilette, Preise

https://www.europes-toughest-trek.com/refuge-details/