19 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 3 - Ortu di u Piobbu nach Carozzu

"Gut, dass wir noch leben. Meine Schulter tut weh." Mit diesen historischen Worten endet mein Tagebucheintrag vom ersten Wandertag auf dem GR-20. Als Gustav und ich am nächsten Tag aufwachen, ist es noch dunkel. Unsere Hüttenmitbewohner huschen lautlos durch den Raum, ihre Kopflampen flackern. Das Fenster ist beschlagen, draußen wird es langsam hell. Ich nehme die Ohrstöpsel raus und schäle mich aus dem Schlafsack.

Refuge de Ortu di u Piobbu
Unser erstes Müslifrühstück ist köstlich und ich bin dankbar für den Kaffee, den wir mitgenommen haben. Um acht Uhr gehen wir los, in Richtung der Quelle in der Nähe der Hütte, wo wir uns die Zähne putzen. Abwesend schaue ich mir im glasklaren Wasser die Nudelreste vom Abwasch der anderen an und fühle mich schuldig, als ich Zahnpasta auf einen großen Felsen unterhalb der Quelle spucke. Als hätte ich eine Umweltsünde begangen. An der Quelle begegnet uns das französische Pärchen, sie kommen aus Gehrichtung und wir fragen, ob sie etwas vergessen haben. Nein, sie haben sich entschieden, bei der Hütte zu bleiben. Die Frau zuckt verlegen die Schultern. Sie hat Angst, weiterzulaufen, sagt sie. Sie ist nicht fit genug. Wir gehen los, ich denke darüber nach, dass ich fand, dass sie schon fit aussah. Fitter als ich.

Wir fangen bei Ortu di u Piobbu auf 1.250 Metern an und kraxeln aufwärts. Ich habe Angst, über die großen Granitplatten aufrecht zu gehen. Gustav nicht, er läuft leichtfüßig und schnell über die Riesenfelsen.

GGG - Gipfelgemse Gus
Es ist erstaunlich, wieviel Kopfsache dieser Weg ist. Dieser Weg, der kein Weg ist, sondern das Durchqueren einer Bergkette, mehr oder weniger linear. Nach fünf Stunden kommen wir zu einem Stück Weg, das man aufrecht gehend gehen kann, ohne weitere Hindernisse. Wir lachen. Es ist circa 20 Meter lang, dann geht es weiter mit der Kletterei.

Der "Weg" ist ein reines Entscheidungen treffen. Bei jedem Schritt frage ich mich, wohin ich den Fuß setze. Bei jeder Granitplatte, ob ich ausrutsche. Bei jeder Kletterei, wohin mit den Fingern. Ich gebe meinem Körper unendlich viele Befehle. Fuß aufstellen, Gewicht verlagern (die 15 Kilo auf dem Rücken helfen nicht wirklich), hoch mit dem gesamten Gewicht auf den Felsvorsprung, KRAFT, ihr dummen Oberschenkelmuskeln! Abstützen auf dem dummen Bein, das sagt, sorry, hab keine Kraft, und hoch da. Und das war genau ein Schritt.
Bocca Piccaia, 1.950 Meter 
An diesem Tag mache ich sehr viele Fehler. Ich habe kein Gleichgewicht. Eine ganz fatale Sache. Ich habe keine Zuversicht in meine Entscheidungen. Ich stütze mich falsch ab, ich rutsche aus, ich fasse mit den bloßen Händen in scharfe Vorsprünge. Ich laufe auf allen vieren Berge hoch. Beim ersten Gipfel auf 2.020 Metern Höhe fühle ich keinen Triumph. Nur Angst, dass ich den ganzen Mist jetzt auch wieder runter muss.

Cirque de Bonifatu

Eine Angst, die auch völlig gerechtfertigt ist, denn ich muss den ganzen Mist ja wieder runter. Obwohl ich eigentlich schwindelfrei bin und auch keine Höhenangst habe, ist die Mischung aus körperlicher Schwäche und den sehr präsenten Abgründen, die ungesichert neben mir liegen, lähmend. Und dann fange ich an, wirkliche Fehler zu machen. Mit Gustavs Hilfe steige ich durch eine enge, drei Meter hohe Felsspalte, setze einen Fuß falsch und rutsche ab. Mein gesamtes Gewicht hängt an meinen Händen, ich versuche mich hochzuziehen. Mit aller Kraft winkle ich mein Bein wieder an, setze den Fuß richtig. Gustav blafft mich an, ich solle ordentlich greifen. Ich zwänge mich hoch, blaffe ihn auch an und sage ihm, er soll mich allein gehen lassen. Gustav läuft vor, ich fange an, zu weinen.
Bocca di L'Innominata, 1.912 Meter
Teil unseres Familiencharmes ist es, perfektionistisch zu sein. Und ungeduldig zu werden, wenn was nicht so gut klappt, wie wir uns das vorstellen. "Ungeduldig" ist hier auf jeden Fall als Euphemismus zu verstehen. Ich bin das auch. Nur bin ich ja jetzt diejenige, bei der das hier gerade "nicht so gut" klappt. Ich wische mir die Tränen ab, schniefe sportlich in die Berglandschaft und schließe auf.

Leider wird danach nichts besser. Hinter der Bocca di L'Innominata stütze ich mich auf einem Felsen ab, der leider nicht fix ist. Er dreht sich und fällt auf mein Handgelenk. Sofort bildet sich ein Riesenei und ich hoffe, dass nichts gebrochen ist. Adrenalin schießt durch meinen Körper, ich fange schon wieder an zu heulen. Gustav hilft mir auf, packt die Rucksäcke um (jetzt habe ich lächerliche 6 Kilo oder so) und wir schlittern über die riesigen Geröllhalden in Richtung Refuge de Carozzu. Mein ganzer  Körper zittert und ich rutsche noch mehrfach im lockeren Gestein aus.

Der Arsch von Felsen, der auf meinen Arm fiel. Es ist der in der Mitte.
 Als wir nach einer weiteren Stunde das Refuge de Carozzu erreichen, umarmt mich mein Bruder. "Hätte nicht gedacht, dass du das schaffst", sagt er. Ich hab schon wieder Pipi in den Augen und wir gehen in die wunderschöne Hütte.

Aussicht vom Carozzu-Balkon
Refuge de Carozzu
Refuge de Carozzu
Marieke versus Arsch von Stein: nix gebrochen

Fazit Tag 3:
1) Die Natur ist schöner als die Zivilisation. Älter, faltiger, mächtiger, wirklicher. Und viel schöner. 
2) Stärke ist nur bedingt physisch.
3) Ein Arm bricht nicht so schnell.
4) Man sollte in Notfallsituationen immer einen Bruder dabei haben. 

Tag 4 auf dem GR-20! Hier weiterlesen!
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18 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 2 - von Fastgestorben nach Ortu di u Piobbu

Und dann stehen wir in Calenzana vor der schönen Kirche. Es ist 10 Uhr morgens, klar und kühl. Das Trampen von Calvi hat super geklappt und believe it or not, es geht los. Wir laufen durch die Straßen von Calenzana, Gustav schnell, ich langsam und folgen den rotweißen Markierungen bis zum Ortsausgang.

Venceremos!
Der Weg ist schön und steil, wir verlassen die Zivilisation, durchqueren Wälder und essen Mittag auf der Bocca a u Saltu in 1.250 Metern Höhe.

Tag der ersten Male - unsere erste Kette

Bocca a u Saltu, 1.250 Meter
Mittag im Nebel
Das Wetter wechselt, es wird neblig-nass. Die Sichtweite ist beeinträchtigt, am Capu Giovu sehen wir nicht viel von der spektakulären Aussicht.

Follow the leader... Äh, nee, the rot-weiße Markierung
Um 15 Uhr fängt es an, zu regnen. Dann setzt der Donner ein und Gustav und ich sind auf einmal in genau so einem Gewitter, vor dem überall gewarnt wurde. Der Regen wird stärker, es wird kalt, Blitze erhellen den grauen Himmel. Wir nähern uns dem Zentrum des Unwetters, das zwischen zwei Berggipfeln hängt und nicht abzieht. Als wir völlig durchnässt zugeben müssen, dass wir nicht weiter können, suchen wir uns einen Unterschlupf am Bergrand. Ich baue mir einen Kokon aus meiner Isomatte, die den Großteil des Regens abhält. Wir warten.

Ich habe keine Angst. Gustav ist ja bei mir. Als die Blitze allerdings anfangen, im Tal unter unserem Unterschlupf einzuschlagen, denke ich, dass ich lieber nicht heute sterben würde. Danke.

Im Gewitter gefangen - die Isomatte als Lebensretter
Wir warten 90 Minuten, zählen die Entfernung zwischen den Blitzen und dem Donner, denken und reden wenig. Bei Gustav setzt die Unterkühlung zuerst ein, er zittert. Ich bewundere in diesem Sturzbach unter den Bäumen erneut meine Wanderstiefel, die erstaunlicherweise meine Füße immer noch trocken und warm halten.

Als auch ich ausgekühlt bin und wir beide der Meinung sind, dass es sicher genug ist, weiter zu laufen, stehen wir auf. Unsere Beine sind steif und eiskalt. Wir schütteln Wasser, Erde und Tannennadeln ab, packen unsere Rucksäcke im Regen. Ich ziehe mir einen Regenponcho aus Plastikfolie an, mein heimlicher Liebling auf Wanderungen. Sieht doof aus, hält aber trockener als die meiste Funktionskleidung. Und jetzt hält er auch die Körperwärme drin. Wir laufen los. Nach zwanzig Minuten müssen wir noch einmal unseren Mut beweisen, und bei Blitzschlag über die Kuppe der Bocca a u Bassiguellu rennen.

Auf den restlichen Kilometern bis zum Refuge werden wir eins mit dem Regen. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen oben und unten, innen und außen, man ist einfach überall so nass, als schwämme man. Und so schwimmen Gustav und ich noch leichte Abstiege hinunter, über Steine und durch einen Wald, der auf, unter und neben uns tropft. Als wir plötzlich oberhalb der Hütte ankommen, schreien wir vor Glück.

Oh, Ortu di u Piobbu, du sicherer Hafen im Sturm! 
Wir stolpern in die Hütte, ziehen uns sofort aus und um und machen uns eine heiße Suppe und Tee. Außer uns sind noch acht weitere Menschen da, die meisten Pärchen. Wie man sich freuen kann, wenn jemand vor einem schon den Ofen angeheizt hat! Gustav und ich hängen unsere völlig durchnässten Klamotten auf, als auf einmal die schon erwähnte Französin hereinstolpert, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch ist. Vermutlich hatte sie im Gewitter keinen Bruder dabei, der ihr ein ruhiges Herz gegeben hat. Nachdem sie von den anderen versorgt wurde und im Schlafsack vor dem Ofen sitzt, wird es langsam Zeit, schlafen zu gehen. 

Überlebt. Darauf ein leckeres YumYum-Süppchen mit Stinkekäse
 

Fazit Tag 2:

1) Die Natur ist stärker als du.
2) Demut ist dein Freund. Lieber spät dran als tot.
3) Ich kann noch weiter, auch wenn ich kein Gefühl mehr für meinen Körper habe und fast schon halluziniere, dass ich durch den Regen schwimme.
4) Man sollte immer einen Bruder in Notfallsituationen dabei haben.

Weiter auf dem GR-20 im Oktober 2013 geht's mit einem Klick hier!
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17 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 1 - Anreise nach Calenzana

Aufgespießte Wildschweine am Zaun auf dem Weg nach Calenzana.
Der gute alte Informationsdrang verlangt, dass ich zunächst verkünde, wie man zum heiligen Nordwege gelangt: man fliegt am besten mit einem Flugzeug nach Korsika (wir Berlin-Bastia direkt) und fährt dann mit dem spektakulären Zug nach Camp Raffalli. Eine der schönsten Zugfahrten, die ich je erlebt habe. 

Den "Feurigen Elias" fahren - der Jungstraum auf Korsika schlechthin
Gustav liest Richard Dawkins
Von Camp Raffalli läuft man nach Calenzana, ungefähr zehn Kilometer über ebenes Terrain. Gustav und ich lernen dabei einen Hund kennen, der uns sechs von den zehn begleitet. Ein sehr kluger Hund, der uns den Weg zeigt, ein bisschen wie Lassie. 

Ein Jagdhund-Pitbull-Lassie, der all seine Freunde auf dem Weg trifft, so dass wir zeitweise mit fünf Hunden laufen. Ein schönes, seltsames Erlebnis.Der Hund, der zwischenzeitlich von Gustav "Flipper" getauft wurde und von mir "Henri", muss leider zurückgelassen werden, als wir Calenzana erreichen. Entgegen unseren Infos ist die Herberge dort nämlich nicht auf und das Hotel auch nicht.

Die spinnen, die Korsen
Ein umwerfend netter Korse (vermutlich spießt er in seiner Freizeit keine Wildschweine auf Zaunlatten auf) und seine Freundin machen uns einen Schlafplatz auf einem Campingplatz Nähe Calvi klar (ja, das ist genau die Richtung, aus der wir gekommen sind) und so schlafen Gustav und ich in ungeahntem Luxus in einem "Chalet".

Le Chalet
Am nächsten Morgen trampen wir die 10 Kilometer wieder zurück. Trampen geht übrigens super. Die Leute sind total hilfsbereit und man steht nie lange an der Straße. 

Fazit Tag 1: 
1) Es kommt immer anders, als man denkt und das ist auch gut so. 
2) Ich kann nicht glauben, wie nett die Korsen sind. 
3) Flipper Henri hätte ich gern mit nach Berlin genommen. 

Der historische Tag 2 unserer GR-20-Reise ist gekommen! Lesen wollen? Hier klicken!
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14 Oktober, 2013

GR-20 - Le Vorbereitung

Oktober 2013. Ich habe soeben meinen Job verloren. Ich bin am Boden zerstört.


Bestens also, dass mein Bruder und ich auf den GR-20 wollen. Die gute, alte Metaphysik des Wanderns. Den Kopf wegschießen, ohne ein Wort sagen zu müssen. Mein Bruder und ich fangen an, zu planen. Der GR-20 ist einer der härtesten Wanderwege Europas und liegt auf dem felsigen Rücken Korsikas. Er ist 180 km lang und wird normalerweise in 15 Etappen gelaufen. Die Etappen sind im Norden kürzer (meist zwischen 10 und 15 km) und härter und haben viel mehr Höhenmeter.

GR-20 Nord, auf dem Weg von Tighiettu nach Ciottulu
Im Süden sind sie länger (bis 25 km) und weniger anstrengend. In der Vorbereitung auf den Weg, stelle ich mir - wie alle anderen vor mir - die Frage nach Kondition. Also praktisch: schaffe ich den Weg? Mein Osteopath, um es ganz simpel zu sagen, lacht mich kurz vorher aus. Er ist der Held, der very last minute vor Abreise den eingeklemmten Nerv in meinem Rücken entklemmt und mich damit wanderfit macht.

Und irgendwann war ich ja auch mal sowas wie Leistungssportlerin. Jetzt bin ich zwar 34 und untrainiert, aber zumindest motiviert. Ich war bisher auf dem Jakobsweg, auch auf dem Nordweg. Ich war im Januar 2013 auf Mallorca wandern. Gepaart mit dem familieneigenen Dickkopf (ja, den haben wir alle) bin ich größenwahnsinnig genug, es zu versuchen.

Calenzana, schöne Braut. Dort fängt der GR-20 an. 6:30 Stunden bis zur ersten Hütte, bei uns acht
Geilster Lunch mit Stinkepecorino und Salami am Strand Nähe Calvi
Um es klar zu sagen: ich habe den GR-20 Nord nicht geschafft. Ich habe gelesen, dass rund 20.000 Menschen jährlich grazil von einem GR-20-Gipfel zum nächsten springen. Ich bin eher gar nicht gesprungen. Ich habe mich wie eine sehr alte, sehr gebrechliche Person von einem Höhenmeter zum nächsten gequält, um bei den Abstiegen, die teils sehr lang und gefährlich (für mich) waren, bei jedem Schritt das Gefühl zu haben, ich sei die kleine Meerjungfrau - ihr wisst schon, die, als sie die Beine bekommt, jeden Schritt wie einen Messerstich verspürt. Heute, drei Wochen später, ist der Schorf beim Duschen abgegangen und was soll ich sagen. Ich hatte noch nie ein so schönes Loch im Bein.

Der GR-20. Ein Stück, das man nicht auf allen Vieren laufen muss



Gut gebaut ist halb gewonnen? Denkste.
Bevor ihr weiterlest, sind hier die Seiten, die wirklich hilfreich in der Vorbereitung waren:

CORSICAFORHIKERS - Michele ist ein Pro und hat einfach klipp und klar gesagt, was Sache ist
KRAXL - gute Zusammenfassung der Etappen und ganz gute Packhilfe
MUCKEFUCK - Ich mag Kaffeeersatz sehr, vor allem die Geschichten von Stefan

Vorbereitet war ich allerdings auf anderen Ebenen, auch wenn mich der Typ im sehr empfehlenswerten Aussteiger in Berlin-Prenzlauer Berg auch ausgelacht hat, als ich reinschneite und einen Tag vor Abreise Dinge gekauft habe: Isomatte, Rettungsdecke, Milchpulver, Signalpfeife.

Während der Planung, die erstaunlich langwierig und schwierig ist (das mit diesem Internet ist auf Korsika nicht unbedingt der letzte Schrei), stelle ich irgendwann fest: von Norden nach Süden oder von Süden nach Norden? Wir haben leider nur Zeit, die Hälfte der Strecke zu laufen, von Calenzana nach Vizzavona (Norden). Oder von Conca bis Vizzavona (Süden).

Ich sage noch: "Gustav, wollen wir von Süden nach Norden? Das ist einfacher" - weiß aber schon, während ich es sage, dass Gustav an "einfach" null Interesse hat. Ah, richtig. Dieser familieneigene Dickkopf. Wir laufen den GR-20 Nord. 

Le GR-20 Nord. Beauty
Ab Ende September sind die Hütten auf dem Weg nicht mehr personell besetzt (Essen), aber offen. Deswegen muss man Essen und Trinken selbst mitnehmen. Ich habe einen ausgeklügelten Essensplan mit meinem Bruder gemacht. Wir haben jeder 7.5 kg Essen dabei, jeder circa 15 kg im Rucksack. Das ist zu viel für Frauen. Frauen, nehmt weniger mit. Oder geht von Süden nach Norden, dann sind die Etappen weniger krass und ihr esst einfach die Kilos auf, die Euch beschweren. Das Essen ist in Tagesrationen, die Gustav in Tiefkühlbeuteln verpackt hat. Für jeden Tag gibt es folgende Päckchen:

  • Ökomüsli mit Milchpulver zum Frühstück
  • Snackybeutel mit Nüssen, Müsliriegeln, Rosinen, M&Ms, getrockneten Früchten (hamm, lecker)
  • YumYum Nudeln zum Mittag
  • Fertignudelgerichte für Abends
Ansonsten haben wir noch an Essen und Trinken dabei:
  • Extra Milchpulver
  • Kaffeepulverbeutelchen
  • Tee
  • Olivenöl
  • Essen, was man doch irgendwie auf dem Weg bekommen konnte (Baguette, Käse, Wurst)
  • Gustav: 2l Wassersystem im Rucksack
  • Marieke: 2 x Il Wasserflaschen in den Seitentaschen vom Rucksack
Snacky auf der Bocca de Palmente in 1.640 Metern Höhe. #bessergehtsnicht
Weitere kleine Amerkung für das schöne Geschlecht: alle Informationen, die ich gelesen habe, waren von Männern. Alle drei oben erwähnten Websites. Mein Outdoor Reiseführer, der übrigens okay war, wenn auch basic. Alle Männer, die ich auf dem Weg traf, waren so Eremitensupersportlermänner mit Muskelbergen. War ganz attraktiv eigentlich. War Gustav einer von ihnen? Das soll die geneigte Leserschaft entscheiden, wenn er diese GR-20-Reise als Gastautor übernimmt. Ich sage nur: Muskelberge ist sein zweiter Vorname.

Die erste Frau, die mir wiederum auffiel, war die hysterisch kreischende, halbnackte, zitternde, unterkühlte Französin, die auch in das Gewitter, in das Gustav und ich am ersten Tag gekommen sind, gekommen war. Die konnte nicht mehr sprechen, als sie Ortu di Piobbu, die erste Hütte, erreichte. Und obwohl die eher so eine zähe Ausdauermuskulatur anstatt von Bergen hatte, war die nicht untrainiert.

Erste Etappe GR-20 - Herberge Ortu di Piobbu
Sie wurde von den anderen Franzosen an den Ofen gesetzt, mit Tee und heißem Essen gefüttert und ist am nächsten Tag nicht weitergegangen. Die zweite Frau kam mir mit ihrem Freund wieder entgegen, 15 Minuten, nachdem wir von Ortu di Piobbu losgegangen waren. Sie hatte Angst und hat aufgehört. Die dritte Frau war die, die in Haut Asco mit ihrem Freund einen Tag Pause gemacht hat, weil sie nicht mehr konnte. Ja, und dann war da noch ich.

Fashion am Berg - Marieke im Partnerlook mit dem Geröll
Weitere dringliche Antworten auf eure Fragen im Schnelldurchlauf:

Wanderstöcke? Unbedingt. Am besten zwei. Ich hatte nur den vom Bild (ich habe ihn "Mein Bester" getauft, kein Scheiß), aber schon der hat mir das Leben gerettet.

Zelt? Im Sommer ja, dann bekommt man weniger Ungeziefer. Im Herbst nein.

Ungeziefer?? Oh ja. Ich hatte 15 undefinierbare Stiche aus dem Bett in Haut-Asco. Gustav hat eine Bettwanze im Rucksack nach Berlin mitgebracht.

Isomatte? Wir hatten unsere dabei. Ich habe meine genau zweimal benutzt, einmal zum Überleben in einem Gewitter. Und einmal in Carozzu, weil die Matratzen so feucht waren. Viele Wanderer haben ihre aber nach den ersten Tagen zurückgelassen.

Strom/Klo/Gas/Wasser in den Hütten? Manchmal. Strom meistens, in Haut Asco aber nicht. Wichtig für Handy aufladen. Wasser manchmal, ansonsten gibt es eine Quelle in der Nähe. Warmes Wasser nur in Haut-Asco. Für Mädels: bedenkt euren Zyklus. Feuchte Tücher sind auf jeden Fall was Bedenkenswertes.

Handyempfang in den Hütten? Nein.


Zu den Abenteuern vom 1. Tag auf dem GR-20 geht es hier lang!



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09 Juni, 2011

Herr Münchhausen und die Liebe

Heute sprach ich mit Suse über die Liebe. Darüber, wie frei man früher, in der späten Jugend mit dem Begriff umgegangen ist, inflationär und das aus vollstem Herzen. "Love you", "lieb Dich", "hab Dich lieb", das hat man sich gesagt und sich dabei gefühlt wie Baron Münchhausen auf seiner Kanonenkugel: frei, mit ordentlich Bums im freien Fall, Wind in der Seele.

Heute fühle ich mich im besten Sinne anders. Man ist nicht mehr Anfang 20. Man ist Anfang 30. Die ersten Freundschaften sind zerbrochen, man kennt jetzt Menschen, die heiraten. Man ist zuständig für sein Leben, das Geld, das in die Kasse kommt. Man weiß, wieviel man für die Krankenkasse bezahlen muss, man weiß, wie es sich anfühlt, auf dem Amt fertig gemacht zu werden. Man verknöchert emotional auf Arten, die man sich Anfang 20 nicht hätte vorstellen können.

Ich las soeben einen Artikel über die Verkürzung der Schulzeit, einen sehr guten Artikel in der ZEIT. Henning Sußebach schreibt darüber, wie sich die Kinder von heute verändern, er sagt, die auf 8 Jahre gekürzte Schulzeit macht die Kinder zu Lernmaschinen. Das Land der Denker und Dichter verändert sich zum Land der Büffler und Schufter. Kinder, die Sonntags lernen, Kinder, die keine Zeit haben, um irgendetwas außerhalb der Schule wahrzunehmen. Er fragt sich, und das zurecht, ob diese Kinder irgendwann zu kritischen Menschen werden können.

So wie er wurde auch ich in den frühen 80ern von Lehrern zu Anti-Atomkraft-Demos geschickt. Heute weigert sich die Schulbehörde den Schülern und Lehrern dafür frei zu geben, für eine bessere SCHULreform zu protestieren. Zu seiner Zeit, so schreibt Sußebach, war Kindheit eine Zeit der Lebendigkeit, der kleinen Entdeckungen. Eine Zeit des ewigen Sommers, in der er sich vorstellte, er sei Boris Becker oder Kalle Rummenigge. Kinder heutzutage gehen immer häufiger zum Arzt, weil sie nicht schlafen können, Angst haben oder traurig sind. Sie machen sich Sorgen, wegen der Arbeiten oder den Hausaufgaben.

Ich habe mich gefragt, ob die Veränderung, die in den Kindern vor sich geht, eine Veränderung ist, die mich auch beschreibt. Die Antwort lautet ja. Ich nehme auch an, dass diese Veränderung etwas ist, dass heute viele Menschen in diesem Land beschreibt: woher kommt der nächste Job? Wieviele Tage kann ich mir freinehmen, um einen Urlaub zu machen? Wenn mein Produkt Anlaufschwierigkeiten hat, sollte ich auch am Wochenende arbeiten? Wie gehe ich mit den ständigen Jobzusagen und -absagen um? Wie damit, dass ich "zu teuer" sei?

Viel mehr als früher beschäftigt mich heute die Frage, ob ich es als Selbständige schaffen kann. Ich tanze auf so vielen Hochzeiten jobmäßig, dass ich mich noch nichtmal als irgendwas bezeichnen kann. Die Situation, obwohl momentan äußerst angenehm und eklektisch, droht sich ständig in einen Albtraum zu verwandeln. Und dieser Druck, der bei mir genauso wie bei den Kindern dafür sorgt, dass ich schlecht schlafe, versteift die ehemals so geölten Gelenke der Zuneigung. Nicht nur zu mir selbst, auch gegenüber anderen.

Ich fliege nicht mehr so hoch. Ich stürze auch nicht mehr so tief. Ich gehe mit meinen Worten, mit meinen "Ich liebe Dichs" sehr sorgfältig um. Ich gehe mit dem, was ich anderen erzähle, begrenzt um. Oft limitiere ich mich zu einem Nichts, einer Nullsagerin. Vielleicht ist dies das, was man spürt, wenn man erwachsen ist. Ich will es nicht hoffen.

Ich wünsche mir, weiter auf der Kugel zu sitzen und in den Wind zu brüllen. Frei von Erfahrung, von Rückschlägen, von zuviel oder zu wenig Liebe, einfach nur so. Wie ein Kind. Aber, verdammt nochmal, ein Kind aus den 80ern.
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