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11 August, 2015

Strudelschillern - Wasserwandern im Nationalpark Müritz - Die Reise


Ein Herz für Seerosen
Tag 2: Vilzsee - Rätzsee - Gobenowsee. Übernachten auf dem Campingplatz Gobenowsee. Auch hier wieder singende Christen und wahnsinnig viele Teenager. Und Sachsen. Die Müritz ist ein Paradies für Sachsen, Teenager und Sänger. Sie ist aber auch einfach ein Paradies.

Seerose im Vilzsee. Foto: Simon Rauterberg

Tag 3: Gobenowsee - Labussee - Canower See - Kleiner Pälitzsee - Großer Pälitzsee - Ellbogensee - Großer Priepertsee. Übernachtung auf dem Campingplatz in Priepert.

Woblitzsee
Tag 4: Großer Priepertsee - Wangnitzsee - Drewensee - Wesenberg. Übernachtung in der Kanumühle Wesenberg - supertolle Location, obwohl die Schnellstraße direkt daneben ist. Supernettes Team, wir konnten spontan einen Bungalow mieten und es gab den leckersten Kaffe und das leckerste Frühstück der ganzen Reise. Campingplatz auch mit der gemischtesten Gruppe an Gästen. Hier war nicht nur Säggsisch und Schwäbsch am Start, sondern auch genäseltes Norddeutsch und breite Berlina Ickes.

Sonnenuntergang am Woblitzsee
Tag 5: Woblitzsee - Großer Labussee - Useriner See. FKK-Campingplatz am Useriner See. Der schönste Campingplatz von allen. Neben uns im Nachbarzelt schläft ein Herr, den ich liebevoll "Der Koloss" nenne, ein Herr, der in seiner Freizeit gern ins Fitnessstudio geht und dort die ganz schweren Hammer hängt. Mit einer Frau, die ihn dabei offensichtlich häufiger begleitet und einen Hintern hat, der dem eines Mannes Konkurrenz macht. Abends gibt es einen Singkreis am Feuer, der von einer Dame mit einer sehr, sehr schönen Stimme geführt wird. Wir liegen also im Zelt und lauschen leise, als - quasi als Anti-Konzert - aus dem Nachbarzelt die ersten Schnarchtöne erklingen. Als ich morgens um sechs erwachte und die Sonnenaufgangfotos schoss, schnarcht der Koloss immer noch. Bewundernswert seine Obertonvariationen! Aber auch die Bässe sind nicht von schlechten Eltern. Ich danke dem lieben Gott für Ohrstöpsel und gehe wieder schlafen.

Morgenstund hat Gold im Kajak
Tag 6: Useriner See - Zierzsee - Görtowsee - Jäthensee - Fischerei Babke. Dann Kanutaxi zum Leppinsee und zurück nach Mirow über das Granzower Möschen.

Auf dem Jäthensee werden wir vom Koloss und seiner Herzensdame im Kanu überholt. Sie sitzen beide hinten und lassen ihre kolossale Muskelkraft spielen, der Kraft der zwei Paddel auf gleicher Höhe. Wie Obelix schießen sie in einer Schnelligkeit über den See, die ich ehrlicherweise kleinlaut einfach nur bewundere. Der sehr ansehnlichen Muskelkraft meines Freundes und meiner Ex-Langstreckensportlerin-Hirnbeklopptheit ist es zu verdanken, dass ich nicht sofort in eine tiefe Depression verfalle.

Die Fischerei und Wehr Babke ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Ostchic und bester Fisch, kombiniert mit einem eiskalten Bier. Herrlich. Für das Kanutaxi hängen vor Ort Nummern aus. Eingestiegen wird mit dem Kanu dann auf dem Campingplatz am Leppinsee. Die Strecke von Leppinsee bis Mirow ist nicht zu unterschätzen, speziell bei 30 Grad, Winden und einem schon durchpaddelten Morgen.

Duckface. Foto: Simon Rauterberg
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FAZIT

Das, was es nicht war: Romantisch. Zelte haben einfach nicht so dicke Wände. Kulinarisch versiert. Aber wer Fisch mag und Wurst (ich) und Bier (ich), der kommt auf seine Kosten. Körperlich teils anstrengend. Waren ja doch ein paar Seen.

Das, was es war: Großartig. Nah. Einfach zu erreichen. Gesund. Erfrischend. Unabhängig. Preiswert. Meditativ. Wasser, Wind und Natur ein Geschenk. Unbedingt zu empfehlen für Menschen mit Hang zu Metaphysik und Kaltgetränken.

Sonnenaufgang am Useriner See

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Strudelschillern - Wasserwandern im Nationalpark Müritz - Info und Anfahrt

Ich schreibe heute mal ganz ohne Floskeln. Kein "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" Kein "Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Schwesterlein...". Nein. Heute gibt es knallharten Reisejournalismus. Aus Mirow. Der Ortschaft südlich der Müritz, in der die englische Königin Sophie Charlotte geboren ist. 1744. Boom.


Die Metaphysik des Wanderns wiederholt sich in der Metaphysik des Wasserwanderns. Beim ersten bekommt man stramme Waden. Beim zweiten straffe Arme und eine Bräune, als wäre man in Kakao gegossen, trotz Lichtschutzfaktor 30 alle paar Stunden. Wer klug ist, zieht sich zum Wasserwandern was an. Dann gibt es so schöne Streifen wie beim Wandern. Wer doof ist (ich), tut das nicht.

Schmeichelhaftes Foto: Simon Rauteberg
Wasserwandern im Nationalpark Müritz. Sechs Tage. 15 Seen. Schönstes Wetter bei 28 Grad. Nachts zelten. Wir sind als Pärchen im 2er Kanadier gefahren. In weniger modernem Deutsch: ein 2er Kanu. Eine Barke, riesengroß. Da wir Zelt, Schlafsäcke, Isomatten und immer auch etwas Bier

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier...
transportieren mussten, hatten wir zwei Packtonnen (groß), einen wasserfesten Packsack für das Zelt, einen wasserfesten kleinen Packsack für die neue Kamera und Kladderadatsch im Kanu dabei. Die Schwimmwesten, Wasser, Flip Flops. Für einen stressfreien, liebevollen Urlaub rate ich zu folgendem:
  1. Wer kann, mietet ein Kajak. Viel leichter, viel entspannter, viel schneller.
  2. Wer kann, mietet als Pärchen zwei Einer-Kajaks. Viel leichter...
  3. Wer doof ist, oder zu spät dran, oder Bock darauf hat, sehr langsam das Leben zu genießen, mietet ein Kanu. Wir waren zu spät dran
  4. Wer ein Kanu mietet, versuche, so wenig Gewicht wie möglich mit zu nehmen, so dass das Geschipper nicht zur seriösen Schiffahrt gerät
  5. Ein kleines Mädchen auf einem Kajak sang auf einer Wasserstraße ein schönes selbstgedichtetes Lied: "Der See tut weh, der See tut weh." Ich stimme ihr zu. Wer auf den großen Seen keine Armkraft hat (ich) und keine Geduld (ich), der könnte leicht gereizt werden durch Strömung, Winde etcetera (ich)
  6. Dachte nicht, dass ich je Verfechter von Kühltaschen werden würde. Aber wer seine Getränke kalt mag, braucht eine. Wer Essen mitnimmt, auch
  7. Unbedingt einen Sonnenhut, Sonnenbrille und LSF 50
  8. Wer hinten sitzt im Boot, ist klar im Vorteil. Vorne ist Arschplatz
  9. Ohrstöpsel für Campingplatz nicht vergessen. Es kann vor singenden Jugendlichen wimmeln. Im schlimmsten Fall sind es Christen
  10. Familie mitnehmen. Hund auch. Liederbuch und Gitarre. Machen alle so
Country roads, take me home to the place I belong, West Virginia, mountain mama, take me home, country roads

Anreise: bis Mirow mit dem Zug, dann Taxi bis Kanubasis Mirow nehmen (11 Euro). Gepäck und Boot klarmachen. Lospaddeln. Am ersten Tag sind wir bis zum Mössensee gefahren, das sind 9 Kilometer. Die Wasserwanderwiesen sind immer direkt am Wasser ausgeschildert und die Campingplätze zum großen Teil eines Kaisers würdig. Alle im nächsten Post genannten Tagesstrecken sind im Durchschnitt 15 Kilometer lang. Erster Tag weniger, letzter Tag mehr. Alle Seen haben tolles Wasser zum Schwimmen - es scheint mir, als ob der Leppinsee das schönste hatte.

Ich wurde gebeten, etwas über die Mücken zu schreiben - von Herzen gern. Heute auf radioeins gab es ein Interview mit einem Mückenforscher. Er sagte, dass manche Menschen aufgrund der genetischen Beschaffenheits ihres Schweißes und dementsprechend Körpergeruchs eher gestochen werden als andere. Ich freue mich, dass mein genetisch eher südländisch ausgerichteter Körpergeruch auf Mücken nicht besonders attraktiv ist. Der meines Freundes hingegen schon. Von daher sah er nach zwei Tagen aus wie ein Survivalcampüberlebender... und ich nicht. Der Experte sprach davon, dass Repellent wie Anti-Brumm oder Autan helfen würde (ach), das aber auch ätherische Öle wie Teebaumöl (ih) oder Zitronenöl (lecker) helfen würden, die Mücken zu vertreiben. Lange Rede, kurzer Sinn: es gibt GANZ viele Insektenbiester dort. Nehmt ausreichend Repellent mit und seid schlagkräftig. Die Bremsen stört auch das Autan nicht.

Ausgebaute Bootsgaragen am Rätzsee - will dringend haben
Frau Zwilling mag Makro. Kleechen vor Burg Wesenberg
Kleine Badende am Rätzsee
Die Möven flogen auf mein Kommando. Sonnenuntergangskitsch am Woblitzsee
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21 März, 2015

The Lycian Way - Luxury meets Hardship

Of all the treks I have been walking in the past years, the Lycian Way is one of the meanest - and most beautiful.



The Lycian Way, for all those, who haven't heard of it yet, is a fantastic walk along the coast in Antalya, Turkey. It's a civilised trek, one that can hurt you but doesn't have to. It's not as hard as the GR-20 in Corsica and not as off-the-beaten-trek as hiking in the pyrenees, but you shouldn't underestimate it.

Do not despair, red and white lead the way

Let's start with the preparation. I went with my boyfriend, Simon Floris. Preparation wise, hiking with somebody is always better than hiking alone because you don't have to carry everything by yourself. A tent, a cooker, gas, a sleeping bag and mat - if you're a slender lady (which I'm not), that can be challenging. Also, it's nice to have someone you can drink that beer with on Pirate Bay beach.

Impossible beauty at Pirate Bay. The beer is not in the picture

This is what we took:
Our teeny tiny tent
A gas cooker
Ferrino walking poles

Ferrino pole, LOWA boot and naked feet all make it through a river crossing
Sleeping bag 1
Sleeping bag 2
Sleeping mats
Trekking food for lunches
A water filter
A loop top bottle (1 litre)
Hiking clothes and socks for a week
Fleece, softshell and a fake down vest for me
A silk scarf
An inflatable pillow
Old, worn off LOWA hiking boots
Deuter back pack 1

Simon and his Deuter in the middle of No Mans Land

Deuter back pack 2
The Lycian Way by Kate Clow
Türkische Riviera - Rother Wanderführer

We were in Turkey for 10 days and we had planned on being on the Lycian Way for a week. We hadn't packed lightly, I had about 14 kilos, Simon had about 16 on the airport. Of course, once you are hiking, there is always the question of carrying water as well. You do the math.

We arrived in Antalya from Berlin on a Wednesday in early March, both extremely stressed from our jobs and not at all cool with people on the street speaking to us. I changed some of my euros into lira at the airport. Apparently, that's bad because of the exchange rates. There are ATMs when you exit the airport, better get your cash there.

Warding off the evil eye on the streets of Antalya

I know it sounds terrible but I guess, Northern Europeans are hardly ever approached on the streets in their home countries. It takes a little while to get used to. We weren't used to it when we exited the airport and that's why - dazzled and confused - we took a cab. We rode through an approaching sunset and arrived twenty minutes later at our fantastic hotel in old town Antalya, the Kaleici.


View from Hotel Dejavu
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22 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 6 - Vizzavona nach Capannelle

Ich habe das Glück, immer dann zu verreisen, wenn andere damit schon fertig sind. Ich fahre nie zur Hochsaison in den Urlaub. Mir gefallen Menschenmengen selbst bei Konzerten nur mäßig. Mir gefallen Menschenmengen auf Wanderwegen überhaupt nicht. Es stellt sich einfach keine Klarheit ein, wenn der Weg voll ist von Meinungen und menschlichem Geräusch.

Schatz, wir müssen nicht reden
Nachdem ich mich von Gustav auf dem Nordteil des GR-20 getrennt habe und mit dem Zug nach Vizzavona gefahren bin, übernachte ich dort im Refuge. Das, weil bewirtet, Geld kostet. 19 Euro für eine Übernachtung, die ich ungern ausgebe. Netter Wirt (der mir erlaubt, ein paar Sachen da zu lassen), lauwarme Dusche, warmes Zimmer und ich esse im sterilen Essenssaal, weil es keine Möglichkeit gibt, mein mitgebrachtes Essen zu kochen. Highlight des Abends: ein Bier! Ein kaltes Bier! Interessant: nur ein paar Tage fern der Zivilisation und schon vertrage ich nix mehr. Um zehn gehe ich völlig angeschickert in die Heia.

Refuge de Vizzavona - wer schnell wandert, wandert einfach vorbei
Am nächsten Morgen breche ich auf in Richtung Refuge de Capannelle, eine einfache Strecke, die trotzdem hammerschön ist. Ich sehe die Sonne auf den Berggipfeln am Morgen und grüße sie freundschaftlich (ja, wenn man alleine wandert, spricht man auch schonmal mit einem Berg).

Good morning sun, I am a bird, wearing a brown polyester shirt...
Ich lächle, weil ich einen Weg entlang laufe, der aussieht wie ein Weg. Ein Waldweg, der auch im Harz sein könnte. Fast bin ich schon gelangweilt davon, dass nichts mich zum Klettern, Springen, Abstützen, Hochziehen oder zumindest Drübersteigen auffordert, als es vom befestigten Weg in den Wald geht.

Herrlich! Wurzeln zum Stolpern! Tannennadeln zum Riechen! Mehr Morgensonne, die mich bezaubert.

Ich bin fit, merke ich. Die Strapazen der letzten Tage haben aus mir eine belastbarere Person gemacht. Ich fühle keinen Muskelschmerz, sondern Stärke in Armen und Beinen. Meine Schulter hat aufgehört, weh zu tun. Mein Osteopath wäre stolz auf mich. Der Morgen macht alles wett, was die Tour im Norden an Angst und Beklemmungen mit sich brachte.

Auf dem Weg nach Lothlórien
Tag 6 des GR-20 ist ein magischer Tag. Ich laufe durch einen Birkenwald, in dem Elfenvolk lebt, passiere versteinerte Orks und gerate in lautstarke Bewunderung, als ich die Hobbitbehausungen bei den Bergeries d'Alzeta sehe. Ich glaube, meine exakten Worte sind: "Alter. Das kann ja nicht wirklich wahr sein!"

The Shire. Ach nee, die Bergeries d'Alzeta.
Ein einäugiger steinerner Wächter
Die Aussicht des steinernen Wächters
Bocca Palmentu, über den Wolken
The Martians have landed!
Gipfelblick = Meerblick
Der Tagesgipfel auf dieser Strecke ist die Bocca Palmentu mit 1.640 Meter Höhe. Und weil ich meinen Bruder vermisse und er die Snackbeutel so schön gepackt hat, mache ich Pause auf der windgepeitschten, außerirdisch anmutenden Berglandschaft auf dem Gipfel. Und schamlos Schleichwerbung für REWE.


Die gesamte Strecke, obwohl sehr gut zu laufen, sind 15 km, 890 Höhenmeter hoch und 224 wieder runter. Nach dem windigen Gipfelpass, der einen schön durchgeschüttelt hat, geht es am Rande des Berges in der warmen Sonne über wunderschöne Bäche bis zum Refuge de Capannelle.

GR-20, seit 6 Millionen Jahren (theoretisch) begehbar
Le petit refuge de Capannelle
Kleine Notiz am Ende: das Refuge ist schwer zu finden. Die Beschilderung endet am Riesenkomplex der Gite U Fugone. Die Gites auf dem GR-20 sind Ausweichmöglichkeiten für Wanderer, wenn die Refuges voll sind. U Fugone erinnert mich an ein verlassenes Berghütten-Disneyland. Ein Riesenkomplex mit Skilift und Vergehen an der Natur. Wie beim Lac de Muvrella fühlt man noch die Flut der Sommerwanderer in der verwahrlosten Umgebung. Die eigentliche Hütte ist miniklein, hat nur Platz für 12 Schläfer und befindet sich hier:
Weiße Pfeile: Wanderrichtung GR-20. Grüne Pfeile: Weg zum Refuge de Capannelle
Fazit Tag 6:
1) If (Anforderung des Weges == physische Stärke) { Glück = ja }
2) Wenn man denkt, es geht nicht schöner, pustet einem die Natur diese Flausen einfach so aus dem Kopf
3) Steinmänner, Elfenwälder, Sonnenspiele, Wasserglitzern und Gipfelwind. Mehr Fazit braucht es nicht.

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21 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 5 - Haut-Asco nach Vizzavona


Als Gustav und ich im Hotel sitzen, am Abend von Tag vier, entscheide ich mich, nicht weiterzulaufen. Zumindest nicht im Norden. Der fünfte Tag hält nämlich eine besondere Überraschung bereit: den Cirque de Solitude. Das ist ein Herr-der-Ringe-tauglicher Talkessel mit 200 Höhenmeter Abstieg an Ketten und danach mehr als 200 wieder hoch, auch an Ketten. Ich denke: "äh, nö", stoße mit Gustav auf unsere gemeinsamen vier Tage an und wir gehen schlafen.

Hässliche Herberge, feine Aussicht
Am nächsten Morgen teilen wir alles an Essen auf, was Gustav bisher noch getragen hat und lassen auch viel extra Kohlenhydrate in der Hütte zurück: Nudeln, Cous Cous, ein paar YumYums. 

Rambo wäre stolz auf mich
Weil ich in den Süden fahren werde, zerschneiden wir den Reiseführer mit dem Messer, das ich in der Herberge gefunden habe. Es steckte im Holz des Fensterbretts und ich musste unwillkürlich denken, dass jemand das da mit einer gewissen Agression reingerammt hatte. Ich bekomme die Seiten für den Süden, Gustav die für den Norden. 

Aus eins mach zwei
Mein Plan ist es, jemanden im Hotel zu finden, der mich in Richtung Zivilisation mitfahren lässt. Gustav bringt mich zum Hotel und sagt: "Jetzt muss ich mir ja wieder Sorgen machen, wenn Du alleine läufst." Und ich alte Heulliese fange schon wieder an. Muss diese joblos bedingte Wurzellosigkeit sein oder so. Oder der Fakt, dass ich schon immer eine Heulliese war. Oder der Fakt, dass ich Gustav schon kenne, seit er geboren ist. Das mit dem Windelwechseln schreibe ich jetzt mal nicht hierher, sonst ist er pikiert.

"Aber ich fahre ja in den Süden," sage ich, "da ist es nicht gefährlich". Wir umarmen uns und ich gehe blinden Auges mit Mein Bester ins Hotelrestaurant. Dort bestelle ich mir, schniefend, und interessiert beäugt vom nicht so schlecht aussehenden Bartender einen Cappuccino und schaue aus dem Fenster. Schön ist es hier am Morgen, in diesem Hotel. Die Wände sind aus Holzvertäfelung, draußen sieht man die Berge.

Die Sonne scheint, es ist warm und ich bin in Sicherheit. Ich fange an, Tagebuch zu schreiben:

"Also. Ich habe vor dem Cirque de Solitude abgebrochen. Das war sicher auch besser so, das hätte ich nicht geschafft. Gustav ist allein weitergegangen. Das ist auch gut so. So hat er die Möglichkeit, in seinem Tempo zu laufen und ich auch."

Hotelterrasse in Haut-Asco
Ich schaue hoch, vor mir der Cappuccino und begegne dem Blick eines älteren Herrn, der mir freundlich zunickt. "Zumindest konnte ich mir gestern die Haare waschen", denke ich. Sonst sähe ich aus wie..., wie..., tja, wie jemand, der sich tagelang nicht wäscht. Wie ein stinkiger GR-20-Wanderer halt. Der Frühstücksraum leert sich und ich stehe auf, um mein Glück zu versuchen. Ich gehe zum Tisch des älteren Herrn. 

Best ride ever, thanks to Diana and Patrick
"Sorry, do you speak English?" sage ich zu ihm und seiner Frau. "We are English", sagt sie mit einem feinen Lächeln. Patrick, very nice to meet you, und Diana, seine Frau. Um die 65, Korsikaliebhaber seit den 70ern. Sie erzählen mir von ihren Wanderungen auf dem GR-20, with the boys. We have two sons, one of them tried to walk the GR-20 as well, a few years back. But he got into high winds and couldn't continue. "Like me", I say and tell them my story.

Patrick und Diana machen Platz in ihrem BMW, der vollgeräumt ist mit Reiseutensilien und fahren mit mir nach Ponte Leccia. Wo sie gar nicht hinmüssen. Sie müssen nach Calvi an der Westküste. Sie fahren mich 25 Kilometer nach Ponte Leccia, weil sie mich zum Zug bringen wollen. Talk about sweetness.

Im Auto reden wir über die Fremdenlegion, die in den 70ern die Straße gebaut hat, auf der wir fahren. Über die korsische Mafia, die es Ausländern nicht erlaubt, Häuser auf Korsika zu bauen. Über die beiden, die seit mehr als 20 Jahren in einem kleinen Dorf in Südfrankreich leben. Über meinen Nichtjob und die Medien. "Tough line of work", sagt Diana, ich nicke nur. 

Abwesend stelle ich fest, dass mein Ohr heiß ist. Das andere auch. Hm. Als ich es anfasse, stelle ich fest, dass ich gestochen wurde. Komisch, gestern waren doch gar keine Mücken auf dem Weg, denke ich, während ich immer alarmierter bemerke, dass nicht nur meine Ohren zerstochen sind, sondern auch mein Kinn (dreifach) und meine Wangen. 

Marieke, zerstochen und kleinlaut
Flöhe, denke ich. Bettwanzen, ach du Scheiße. Und ich sitze hier im Edel-BMW mit diesen herzensguten Menschen und vielleicht hinterlasse ich ja den Floh in deren Auto und was dann? Dann hab ich denen ihren Großmut aber ganz dumm heimgezahlt.

Ich frage mich, ob ich weiß, ob Flöhe von Menschen auf Autos überspringen, während meine Haut in einen milden Schockzustand abdriftet, eine kleine allergische Reaktion. Ich versuche, nicht zu kratzen.

Als wir in Ponte Leccia ankommen, laden die beiden mich noch auf einen café creme ein. Als Diana in der Bäckerei versucht, mein Baguette zu bezahlen, muss ich lachen. Ich fühle mich, als hätte ich auf einmal eine zweite Mama geerbt. "Thanks, but you've done so much for me already. I can get that," sage ich. Beim Abschied tauschen wir unsere Nummern aus.

Ich gehe mit Mein Bester zum Bahnhof und fahre mit dem Mittagszug nach Süden.

Mein Bester auf dem Weg nach Vizzavona

Fazit Tag 5:
1) The kindness of strangers is limitless.
2) Bed bugs DO bite.
3) Das Richtige tun ist manchmal langweiliger als das Falsche. Aber auch sicherer.

Willst du alles über Tag 6 auf dem GR-20 lesen? Dann klick hier!
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20 Oktober, 2013

GR-20 - Teil 4 - Carozzu nach Haut-Asco


"Ich weiß nicht, ob ich weitermache - ich bin völlig lädiert. Morgen mache ich noch. Und wenn ich feststelle, dass ich Superkräfte entwickle, mache ich sechs Tage. Wenn ich die nicht entwickle, dann fahr ich mit nem Bus oder per Anhalter von Haut-Asco entweder auf nen anderen Trail, wo ich mir nicht die Knochen breche oder wieder nach Bastia, nehm die Fähre nach Elba und lege diesen alten, untrainierten Körper an einen Strand."

Was ich dann auch machte, allerdings erst später
Wieder mal historische Worte aus dem Tagebuch der Mademoiselle Z. Als ich am dritten Trailtag aufstehe, kann ich kaum laufen. Diese vermaledeite Milchsäure, die irgendwie überall zu sein scheint, selbst in meinem Gehirn. Als wir um halb neun loslaufen, finde ich einen Wanderstock vor der Tür. Er ist präpariert, oben abgesägt und unten angespitzt. Ich bin entzückt.

Marieke & Mein Bester
Der Stock wird an diesem Tag mein bester Freund. Er ist leicht und stabil und glatt und schön anzufassen und stetig an meiner Seite. Besser als jeder Typ, scheint mir. Ich taufe ihn "Mein Bester" und lobe ihn konstant, unhörbar. Selten war ich einem Gegenstand so dankbar. Als wir loslaufen und meine Beine wieder anfangen, Klamauk machen zu wollen, stoppe ich sie. "Heute ist ein besserer Tag", sage ich, "ein Tag ohne Unsicherheit". Der Plan funktioniert erstaunlich gut. Die Granitplatten machen mir immer noch Angst, aber mit Mein Bester gehen sie viel besser.

Indiana Marieke
Die Brücke über den Spasimata-Bach erinnert an Kindheit und Action Filme aus den Achtzigern. Dann geht's ab in die wunderschöne Spasimata-Schlucht. Die Spasimata-Schlucht ist eins dieser Naturwunder, die sich der Fotografie entziehen. Deren Farbigkeit, Steilheit und Atemberaubenheit einfach nicht dem entsprechen, was man auf den Bildern sieht. In der Schlucht verdamme ich mich dafür, dass ich seit Jahren keine anständige kleine Kamera habe.


Die Farbigkeit der Steine auf diesem Weg ist wunderschön. Korsika ist überwältigend metallisch. Violette Felsen mit neongrünen Flecken wechseln sich ab mit blau und grün schimmerndem Gestein. Wenn die Sonne durchkommt, fängt die Landschaft an zu glitzern. Das Mädchenherz freut sich.

Auf dem Weg zur Spasimata-Schlucht
Spasimata, die Schöne im Morgenlicht
Psychedelischer Aufstieg aus der Spasimata-Schlucht

Wenn man Steinen Prächtigkeit zuschreiben könnte, stünde hier "Steinpracht"
Hoch also, wieder und immer wieder hoch, bis wir zum völlig unspektakulären Lac de la Muvrella kommen. Wenn man sich der Zivilisation entzieht, Wasser aus kristallklaren Bächen trinkt und eine gewisse Selbstverständlichkeit für das Pure dieses Lebens gewinnt, ist es immer ein mieser Rückschlag, den Dreck der Menschen zu sehen, wenn er wieder auftaucht. Bilbao auf dem Camino del Norte war so ein Rückschlag. Der Lac de la Muvrella ist nicht vergleichbar, aber er hat auf jeden Fall durch die Flut der sommerlichen GR-20 Besucher gelitten.

Ich mache kein Foto und steige den steilen Anstieg zur Bocca di a Muvrella hoch. Keuche mich hoch, besser gesagt. Oben gibt es eine Aussicht bis zum Meer und einen grinsenden Bruder, der zugibt, dass der Aufstieg ihn auch aus der Puste gebracht hat. Heute machen mich die Gipfel und der nahe Himmel glücklich. Man kann bis zum Meer sehen. Beste Laune der Natur, dass es Wanderwege gibt, die Berge und Meer gleichzeitig haben.

Mariekes heimlicher Angstgegner: die Granitplatten
Wir erklimmen die Bocca de Stagnu auf 2.010 Metern und sind fast enttäuscht, als wir kurz danach schon die Herberge von Haut-Asco im Tal sehen. Jetzt schon da oder was?

Da wohnt er wohl. #gott
Aber natürlich, wie kann es anders sein, unterschätzen wir den Abstieg, der 640 Höhenmeter runter geht. Und das höchst steile anderthalb Stunden. Ich werde wieder unsicher, auch mit Mein Bester. Nach ungefähr einer Stunde passiert es, ich rutsche in eine Felsspalte, mein Bein klemmt sich ein, verdreht sich. Durch die Leggings merke ich, wie der Stein meine Haut wegreißt. Ich schreie. Befreie mich wieder mit aller Kraft. Die Leggings wird warm am Bein, ich schaue nicht nach.

Langsam steigen Gustav und ich danach weiter ab, ich wieder zittrig und rutschig. Am Ende regnet es und ich habe zu wenig Augen für die riesigen Wurzeln der Pinien, die den Waldboden durchbrechen. Als wir in Haut-Asco ankommen, gibt es die Überraschung unseres Lebens: die hässlichste Herberge der Welt, aber warmes Wasser zum Duschen! Haut-Asco ist eine Skistation und es gibt außer der Herberge auch noch ein Hotel. Die Wahl, Nudelzeugs im Dunkeln mit Kopflampe (es gibt keinen Strom in der Herberge) im Kalten (es gab auch kein Holz) zu essen oder zum Hotel rüberzugehen, fällt sehr leicht.

"Asco" ist das spanische Wort für Ekel und verleiht dem Refuge de Haut-Asco genau den Unruhm, den es verdient. Speziell, wenn man bedenkt, dass es dort Bettwanzen oder Flöhe gibt und ich am nächsten Morgen mit 15 Stichen im Gesicht, Hals und Ohrläppchen aufwache. Wortwörtlich: Haut-Ekel.

Vermackte Beene in Haut-Ekel


Fazit Tag 4:
1) 15 blaue Flecken und mehrere Löcher im Bein, ich sehe aus, als wäre ich vermöbelt worden. Wurde ich auch. Von der Natur.
2) Gipfelglück ist ein sehr schönes Glück. So schön wie Wellenglück oder Liebesglück.
3) Die Mischung aus körperlicher Höchstpräsenz, der Natur und den Glücken sorgt dafür dass ich, das vermöbelte Wesen, ernsthaft darüber nachdenke, weiterzumachen. Ts.



Mehr von Gustavs und meinen Abenteuern an Tag 5 auf dem GR-20 könnt ihr hier lesen!


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